Historie

Gründung BVC

Der Bundesverband Casting (BVC) e.V. wurde am 24. Juni 2003 während der Cologne Conference als der Berufsverband der Casting Directors in Deutschland gegründet. Zu den acht Gründungsmitgliedern gehören: Thomas Biehl, Dana Cebulla, Anja Dihrberg, Clemens Erbach, Heta Mantscheff, Florian Neubauer, Anka Riemer und Daniela Tolkien.

Seither informiert und unterstützt der Verband seine Mitglieder in berufsständischen Fragen und verpflichtet sie auf eine fachgerechte Berufsausübung. Seiner Satzung entsprechend hat es sich der Verband zur Aufgabe gemacht, das Ansehen des Berufsstandes zu fördern und Kenntnisse über den Berufsstand in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

Mit der Gründung des BVC geht die junge Geschichte des Berufs Casting in Deutschland einen großen Schritt voran. Der Beruf Casting erhält eine Vertretung in der Fachwelt und weiteren Öffentlichkeit. Von Beginn an stehen die Informationsvermittlung und der Dialog mit der Filmbranche im Vordergrund der Arbeit des BVC. Casting ist ein künstlerischer Beruf. Der BVC kämpft folgerichtig zuallererst um die Anerkennung und den Respekt für die kreative, seriöse Arbeit des Casting Director im deutschsprachigen Raum.

Casting in Deutschland

Casting Made in Germany: Vom Suchen und Finden …

»Dass es für »Casting« kein deutsches Wort gibt, ist symptomatisch.«
An Dorthe Braker, deutscher Casting Director und BVC-Mitglied
(Quelle: Weidinger, Birgit: „Eine Frau für jede Rolle.“/ Süddeutsche Zeitung vom 20.07.1997)

In Deutschland fristeten die Casting Directors bzw. Besetzungschefs lange Zeit ein weitgehend unbemerktes Dasein: Keine Credits, ja nicht einmal eine deutschsprachige Bezeichnung legen Zeugnis davon ab, wie wenig sich die Besetzungstätigkeit im Bewusstsein der deutschen Filmbranche verankert hat.
Dabei ist Casting kein aus dem angloamerikanischen Raum adaptierter Trendberuf, sondern ein erlerntes Handwerk mit einer wenn auch oftmals vergessenen Tradition.

1. Besetzung in der Stummfilmzeit

Bereits in den 20er-Jahren gehörte ein hoch differenziertes Besetzungsgeschäft zum Standard in der deutschen Filmbranche. Ob nun für Kunst-, Trivial- oder Sittenfilme (so die damals gängige Bezeichnung für Pornos), ob für Detektiv- oder Abenteuerfilme, aufwändige Kostümschinken oder Serien: Darsteller waren gefragter denn je.

„Big Bosses“ in Besetzungsangelegenheiten waren für gewöhnlich die Produzenten. Zeitgenössischen Protokollaufzeichnungen kann man entnehmen, dass bspw. Erich Pommer von der Ufa seinen Regisseuren bei Besetzungsfragen einen großen kreativen Spielraum ließ.

Dabei zeigten Theaterschauspieler anfänglich kein großes Interesse, sich auf Celluloid bannen zu lassen. Not macht erfinderisch und so wurde fortan auch in den Straßen der Hauptstadt gecastet.
»Verzeihen Sie gnädige Frau, hätten Sie nicht Lust bei mir zu filmen? (Quelle: „Filmentdeckung auf der Straße. Der Weg von Java bis Berlin. Was aus dem Pensionsmädel wurde.“ / „Berliner Illustrierte“, Nachtausgabe vom 22. März 1939), war die Frage des Regisseurs Robert Wiene an Lilitt Saubert (alias Lil Dagover) für seinen Film „Das Cabinet des Dr.Caligari“. Er kann somit als Begründer des Streetcastings angesehen werden.

Des Weiteren stieß man in Fachzeitungen jener Zeit recht häufig auf Ausschreibungen von Filmstudios. Die Bewerber mussten ein Foto einsenden und turnen können; nach damaligen Kriterien reichte dies als Qualifikation aus. Dennoch war es alles andere als leicht, den Bedarf an Darstellern, den das Filmgewerbe erforderte, zu decken.

Credit: „Die Filmwoche“ (Nr. 52/1924);

 

Quelle: Theaterwissenschaftliche Sammlung Schloss Wahn, Köln

Aber auch Eigenengagement war ein nicht zu unterschätzender Faktor: So hatte Brigitte Helm, die eigentlich Eva Gisela Schnittenhelm hieß, ihre Rolle in „Metropolis“ ihrer Mutter zu verdanken. Diese soll bei dem Regisseur Fritz Lang nach einem Part für ihre Tochter angefragt haben und die Laienschauspielerin hatte Glück: Ihr blonder Typ entsprach dem Geschmack jener Zeit und galt als kameratauglich. Zwar ruinierte „Metropolis“ die Ufa finanziell, aber der Film machte die junge Berlinerin über Nacht zum Star.

2. Spannungsfeld Künstlervermittlungen

Neben den so genannten „paritätischen“, also den gleich behandelnden Stellennachweisen der deutschen Bühnen, gab es auch eine Vielzahl gewerblicher Künstlervermittlungen – allen voran die Theateragenten. Diese Parteien waren sich alles andere als wohl gesonnen.

Der „paritätische“ Stellennachweis war 1919 gemeinsam vom Deutschen Bühnenverein und der Genossenschaft der deutschen Bühnenangehörigen (DBGB) gegründet worden. So wollte man der zunehmenden Korruption im Theateragentenwesen entgegentreten. Vermittelt wurden neben Einzeldarstellern für Bühnen auch Künstler für das Kabarett und Varieté, den Zirkus, Tanzstätten und bedingt auch Darsteller für Kinoproduktionen. Reine Filmschauspieler gab es nur wenige.

Soweit die Bühnenvermittlung überhaupt Filmdarsteller empfahl, handelte es sich im Wesentlichen um Ausländer. Deren deutsche Kollegen suchten sich ihre Engagements in der Regel selbst oder ließen sich ebenfalls von ausländischen Agenten vertreten: Marlene Dietrichs Agent kam beispielsweise aus Paris. Da es dem „paritätischen“ Stellennachweis nicht notwendig erschien, eine gesonderte Vermittlungsstelle für Filmdarsteller einzurichten, besetzten die gewerblichen Stellenvermittler diese Nische. Allgemein war die gewerbliche Stellenvermittlung in den 20er-Jahren ein nicht zu unterschätzender Geschäftszweig.

Die gewerbsmäßigen Theateragenten hatten schätzungsweise zwei Drittel der gesamten Schauspielervermittlung in der Hand. Ihr wachsender Einfluss war dem „paritätischen“ Stellennachweis ein Dorn im Auge, denn so manch einer machte auch ein krummes Geschäft.

Der Provisionssatz für die Vermittlung gewerblicher Theateragenten lag bei etwa 6% der Gage für lange sowie 10% für kurze Gastspiele. Natürlich versuchten die Agenten, ihre Stars vertraglich an sich zu binden und betrieben im Gegenzug dafür ein umfassendes Management. Von prozentualen Beteiligungen an Gagen von Filmschauspielern ist leider nichts bekannt, auch nicht bei den „paritätischen Stellennachweisen“ der Bühnen in Berlin. Hier – in der Französischen Str. 48 – war die Vermittlung zunächst kostenlos. Seit 1922 wurden zur Deckung der Unkosten 3% Provision erhoben. Ab 1924 verlangte man dann 5%. Für einzelne Gastspiele waren 8% als Vermittlungsgebühr angesetzt. Erstaunlicherweise wurden Komparsen weder vom „paritätischen“ Stellennachweis noch von Theateragenten vermittelt und das, obwohl der Bedarf enorm war.

1929 wurde beim Arbeitsamt in Berlin-Mitte eine Fachabteilung für die Vermittlung von Filmdarstellern (Komparsen) eingerichtet, die auch die Besetzung von Solo-Rollen übernahm. Insgesamt wurden dort vom 2.1.1929 bis einschließlich Januar 1930 13.548 Vermittlungen getätigt (8.230 Männer und 5.318 Frauen). Während dieser Zeit gingen insgesamt 16.466 Arbeitsgesuche ein (9.784 von Männern und 6.682 von Frauen).

Ebenso wurden vom Arbeitsamt Kinder ab sechs Jahren für Filmaufnahmen vermittelt. Anders als in Amerika gab es in Deutschland bereits in den 20er-Jahren strenge, gesetzliche Auflagen für die Vermittlung von Kindern. Alles in allem bilanzierte das Arbeitsamt Berlin-Mitte, dass es trotz mannigfaltiger Bedenken gelungen sei, »…die Vermittlung von Filmdarstellern in geregelte Bahnen zu überführen und Ihnen durch die Fachvermittlung eine unparteiliche kostenlose Arbeitsvermittlung zu sichern.« (Quelle: Zeitdokument der „Bundesagentur für Arbeit“, Nürnberg)

Ab dem 1. Januar 1931 hatte in Deutschland dann alles seine (preußische) Ordnung:
Die gewerbsmäßige Stellenvermittlung wurde grundsätzlich verboten. Neben der Bühnenvermittlungsstelle sollte zukünftig die einzige Instanz für die Vermittlung von Schauspielern das Arbeitsamt sein. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel und so wurden einzelne, handverlesene Theateragenten weiterhin geduldet.

3. Das erste offizielle Besetzungsbüro

Erster Besetzungschef der Ufa wurde Jobst von Reiht-Zanthier, kurz Jobst von Reiht genannt. Der ehemalige Schauspieler war lange Jahre Regieassistent am Theater gewesen. Als rechte Hand von Max Reinhardt und Direktor Dr. Klein kannte dieser „Allroundman“ die gesamte Theaterlandschaft vom Star bis zum Statisten. Dieser „Allroundman“ kannte die gesamte Theaterlandschaft vom Star bis zum Statisten. 1931 wurde er von Erich Pommer für die Ufa rekrutiert:

»Wir brauchen Theaterleute. [...] Der Tonfilm hat begonnen, nun müssen wir richtige Schauspieler finden. Überlegen Sie sich mal, wie man das am Besten macht.« (Quelle: Reiht-Zanthier, Jobst von , 1967)

Der Produktionschef der ›Ufa‹, Ernst-Hugo Corell, der ebenfalls eingeschaltet wurde, konkretisierte das Problem:

»Können Sie uns wohl Schauspieler für den Film beschaffen? [...] Sie müssen ja nun sprechen können. [...] Sprechen können, Schauspieler sein und noch photogen dazu! Wo findet man die?«(Quelle: Reiht-Zanthier, Jobst von , 1967)

Die Lage war ernst, da viele der stimmerfahrenen deutschen Stars Mitte der 20er- Jahre nach Hollywood gezogen waren. Corells Erwartung an Jobst von Reiht war eindeutig, der Produktionschef wollte neue Stars:

»Mir ist erzählt worden [...] Marlene Dietrich kannten Sie gut, und die ist auch in Hollywood. Wollen Sie nicht auch mal für uns entdecken?« (Quelle: Reiht-Zanthier, Jobst von, 1967)

Von Reiht riskierte den Sprung ins kalte Wasser. Etwas Neues sollte entstehen, mit dem Namen „Besetzungsbüro“:

»In Hollywood gab es das schon, die Casting-Büros, die aus aller Welt ihr Schauspielmaterial heranholten. [...] und in mir dämmerte eine Ahnung auf, dass eine Kartei entstehen müsste mit Bildern und Daten dazu. Das »Wie« war mir noch nicht klar.« (Quelle: Reiht-Zanthier, Jobst von, 1967)

Von Reiht ging das Projekt systematisch an. Er ließ große Karteikarten anfertigen mit Kuverts für das Bildmaterial auf der Rückseite. Für seine Kartei ließ er Kästen auf großen Tischen aufstellen und zusätzlich Regale entlang der Wand montieren.
Für seine zwei Sekretärinnen ließ er ein Büro einrichten und jeweils ein Zimmer für sich und seinen persönlichen Assistenten. Der Ufa-Besetzungschef machte von jedem Schauspieler seiner Kartei aber auch Probe-Aufnahmen; außerdem archivierte er die bereits bestehenden.

Da es viele deutschsprachige Theater in Österreich, in Ungarn, in der Schweiz und der Tschechei gab, genehmigte das Studio Jobst von Reiht ein Reiseprogramm im Jahr, das ihn quer durch die Lande führte. Auf einer dieser Reisen lernte er u.a. die späteren Ufa-Stars Johannes Heesters, Zarah Leander und das Prager Zirkuskind Marika Rökk kennen. Zusätzlich finanzierte die Ufa von Reiht sogar Sonderreisen, wenn es galt, konkrete Rollen zu besetzen. An jede Reise schlossen sich Probeaufnahmen an, für die von Reiht die vielversprechendsten Schauspieler in die Ufa nach Berlin holte. Curt Jürgens, Lale Anders, Georg Thomalla oder die damalige „Heroine des Burgtheaters“ Hedwig Bleibtreu wurden bei dem Besetzungschef vorstellig. Und als Ingrid Bergmann in sein Büro trat, wusste er sofort, dass sie das Zeug zum internationalen Star hatte. Mit der Zeit war Jobst von Reihts Besetzungsbüro zur Vermittlungsinstanz für die obersten Besetzungschefs geworden.

Als das nationalsozialistische Regime die Macht ergriff, hatte das auch Auswirkungen auf die Besetzungsbranche. Dabei hatten sie nicht nur die Gestaltung, sondern auch die Überwachung des künstlerischen Personaleinsatzes an sich gerissen. Besonderes Augenmerk fällt hier auf die Nachwuchserziehung. Ab 1942 gab es in Babelsberg ein Besetzungsbüro mit einem Nachwuchsatelier für junge Schauspieler.

Für den Film „Münchhausen“ (1943) übernimmt Jobst von Reiht zwar noch die Besetzung (der einzige Film der ihn als Casting Director in der „Internet Movie Database“ ausweist). Ansonsten hält sich Reiht aus dem Geschehen heraus, quittiert seinen Dienst und zieht sich ins Theatergeschäft zurück.

Quelle: Reiht-Zanthier, Jobst von: „Sie machten uns glücklich“ (1967): Kapitel: „Der neue Laden“ S. 121-124.

4. Nachkriegszeit: die ersten Besetzungsbüros in der BRD

Durch die Machtergreifung durch die Nazis war es zu einer großen Emigrationswelle unter den Filmschaffenden gekommen. Ein nicht wieder gutzumachender Verlust, wie der Zustand der Branche in der Nachkriegszeit erkennen lässt.

Die deutsche Schauspielbranche in der BRD war so klein, dass man sich in der Regel persönlich kannte. Neben dem Regisseur fiel die Besetzung von Schauspielern vielfach in den Aufgabenbereich der Regieassistenz. Vereinzelt, meldete sich auch der Produzent zu Wort. Obwohl sich das Fernsehen auch in Deutschland schnell etablierte, hatten die Redakteure in Besetzungsfragen anfangs noch nicht mitzureden.

Für die Vermittlung von Schauspielern waren die Künstlerdienste der Bundesanstalt für Arbeit eingerichtet worden. Diese Vermittlungsstellen für Statisten, Musiker, Artisten, Models und Schauspieler entstanden zunächst in München, Hamburg, Berlin und Düsseldorf. Neben den staatlichen Einrichtungen gab es nur wenige private Agenturen, die durch Lizenzen zur Schauspielervermittlung berechtigt waren. Die ersten privaten Agenturen wurden 1948/49 angemeldet und trugen zumeist die Namen ihrer Besitzer: z. B. Jovanović oder eben auch die Ehrenpreisträgerin des Deutschen Filmpreises 2006 Erna Baumbauer.

Anders als in den USA wurden in der BRD keine freien Besetzungsbüros gegründet; dennoch unterhielten z. B. das ZDF und die ›Bavaria‹ ein solches Besetzungsbüro. 1962 ruft Fritz Haneke für das ZDF, im Gegensatz zur ARD, ein eigenes Besetzungsbüro ins Leben. Bereits 1963 kommt Karlheinz Baumann als Sachbearbeiter dazu und übernimmt 1967 den Posten des Leiters. Zu dieser Zeit ging man auch dazu über, Fernsehfilme auf dem künstlerischen wie technischen Niveau von Kinofilmen zu produzieren.

Besetzungschef der Bavaria wurde der begnadete Theaterexperte Willy Schlenter. Auch der Regisseur Rainer Werner Fassbinder soll sich trotz seines festen Schauspielerensembles immer wieder Rat bei Willy Schlenter eingeholt haben, u. a für die Bavaria-Produktion „Katzelmacher“ (1969).

Ab den 80er-Jahren hatte die Bavaria neben Fernseh- auch wieder einige nennenswerte Kinoproduktionen aufgenommen. Die wohl erfolgreichste war Wolfgang Petersens Oscar-prämierter Kinofilm „Das Boot“ (1981), der von Willy Schlenter besetzt wurde. Die Besetzungsarbeit für den Unterwasserstreifen zog sich über mehrere Wochen hin. Sowohl der damals noch unbekannte Jürgen Prochnow als auch Herbert Grönemeyer wurden besetzt. Auch wenn der große Greta Garbo-Verehrer in der „Internet Movie Data Base“ lediglich für die Besetzungsarbeit von »Das Boot« auftaucht, hat Schlenter weit über 300 Bavaria-Produktionen besetzt, bevor er 1992 pensioniert wurde.

Viele Filmschauspieler wechselten zum Fernsehen. Bei der Besetzung dieser Produktionen gaben die Agenten oft hilfreiche Tipps. Mittlerweile hatte sich aus den Künstlerdiensten die „Zentrale Bühnen-, Fernseh- und Filmvermittlung“ (ZBF) zu einer eigenen Abteilung herausgebildet. Eine hierarchische Einteilung des Schauspielersektors war nicht zu übersehen: Während bei der ZBF jeder Schauspieler angenommen wurde, kamen bei den privaten Agenturen nur auserwählte Schauspieler, die damaligen deutschen Stars, unter.

5. Nostalgischer Rückblick: Besetzung in der DDR

Anders als im Westen hatte man im Osten Deutschlands an die Ära der gut organisierten und professionellen Besetzungsmaschinerie der Weimarer Republik angeknüpft. Die ideologische Einmischung von Staatseite war dabei nicht verschwiegen worden. Generell wurden in der DDR für Kino und Fernsehen vornehmlich bei der „Deutsche Film Aktiengesellschaft“ (DEFA) und beim „Deutschen Fernsehfunk“ (DFF) Besetzungen vorgenommen mit Vera Vetter als Gründerin.

Erste Leiterin des DEFA Besetzungsbüros in Babelsberg wird 1950 Gertraude Acker Thies.
Während Karin Beewen die letzte Besetzungschefin der DEFA war, leitete Astrid Rahn das Besetzungsbüro des „Deutschen Fernsehfunks“ (DFF). Glaubt man der „Internet Movie Data Base“ hätte Karin Beewen in ihrer gesamten Casting-Laufbahn nur vier Kinospielfilme (u. a. „Der Unhold“ / 1996 oder den Fernseh-Mehrteiler »Liebessau – Die Andere Heimat«/2001) besetzt. Astrid Rahn wiederum wird in der Datenbank überhaupt nicht erwähnt. Obwohl keine Creditvergabe erfolgte oder schwarze Listen von Schauspielern geführt wurden (die beispielsweise einen Ausreiseantrag gestellt hatten), wurde der Besetzung in der ehemaligen DDR aus künstlerischer Sicht viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Da ein Großteil der Schauspieler in Festengagements an den Theatern unter Vertrag stand, war das Reservoir an Protagonisten für Hauptrollen begrenzt. Die Theater der DDR produzierten ebenfalls kontinuierlich und beschäftigten natürlich ihre Besten bei sich. Sie taten sich – wie auch die Theater der BRD – mit Freistellungen für Film und Fernsehen schwer bzw. lehnten derartige Anträge einfach ab. Laut Astrid Rahn herrschte in der DDR, was die Schauspielerbesetzung betraf, eine „Mangelwirtschaft“. Jährlich produzierte der DFF an die 200 Produktionen. Etwa zwei Produktionen entfielen dabei auf den Bereich der »Dramatischen Kunst«, die Restlichen teilten sich auf in Unterhaltung (Komödie, Schwänke) sowie das Kinder- und Jugendfernsehen. Für die 200 Produktionen waren an die 3.000 Rollen zu besetzen. Zusätzlich realisierte die DEFA exakt je 15 Kino- und Fernsehfilme im Jahr.

Schauspieler aus dem Ausland (wie Polen, die Tschechoslowakei, die Sowjetunion, Ungarn oder Bulgarien) konnten aus finanziellen Gründen nur für Ausnahmeprojekte besetzt werden. Auch wenn sich in den 70er- Jahren beim DFF oder der DEFA »feste« Ensembles bildeten, denen jeweils ca. 50 Schauspieler angehörten, konnten die Fernseh- und Kinoproduktionen mit der Anzahl der heimischen Schauspieler kaum umgesetzt werden. Um das DDR-Potenzial voll ausschöpfen zu können, war eine gute Besetzung notwendig: Immer wieder musste überprüft werden, wer frei war. Laut Karin Beewen musste ein Besetzungschef deshalb stets auf dem Laufenden sein. »So simpel es klingt: Man musste halt alle Schauspieler auch in bestimmten privaten Bereichen kennen!« (Quelle: Interview mit Tina Thiele 2004)

Summa summarum wurden in den 40 Jahren DDR rund 800 Spielfilme und mindestens doppelt so viele Sendereihen und Serien, wie beispielsweise „Polizeiruf 110“ oder „Der Staatsanwalt hat das Wort“, besetzt. Wirtschaftlich wie künstlerisch erfolgreich war der Gegenwartsfilm „Die Legende von Paul und Paula“ (1973) unter der Regie von Heiner Carow mit Angelica Domröse und Winfried Glatzeder. Auch für „Solo Sunny“ (1980) von Konrad Wolf und Wolfgang Kohlhaase mit Renate Krößner (Silberner Bär als beste Hauptdarstellerin), Alexander Lang und Dieter Montag sowie „Palermo oder Wolfsburg“ (1980) von Werner Schroeter mit Nicola Zarbo und Otto Sander (Goldener Bär für den besten Film) standen die Leute an der Kinokasse Schlange.

Nach der Wiedervereinigung wurde das Babelsberger Gelände zunächst durch die Treuhand an den französischen Vivendi-Universal-Konzern verkauft. Als einzige Angestellte wurde Karin Beewen zunächst übernommen; mit Volker Schlöndorff besetzte sie neben „Der Unhold“ auch „Die Stille nach dem Schuss“ (2000/Silberner Bär). Allerdings hat Karin Beewen nicht nur für Babelsberg gearbeitet.

»Ich habe in dieser Zeit auch für die ›Ufa‹ und andere Produktionsfirmen gearbeitet und zum Beispiel „Liebessau – Die andere Heimat“ besetzt; dafür wurde ich vom Studio Babelsberg quasi ausgeborgt.«(Quelle: Interview mit Tina Thiele 2004)

Auch in Babelsberg kehrte ab 2003 die gängige Praxis ein: Anstehende Projekte und ihre Besetzung sollten künftig von Freiberuflern übernommen werden.

6. Die ersten freien deutschen Casting Directors auf dem Weg zum Frontcredit

Wie in Amerika gab es neben fest angestellten Besetzungschefs schon Ende der 70er Jahre freie Casting-Directors wie in München An Dorthe Braker, Sabine Schroth und Risa Kes. Sie wurden schon lange mit der Besetzung von Rollen beauftragt, bevor das Privatfernsehen, die Förderungssysteme auf Länderebene sowie die deutschen Independents auf dem Markt waren.
Bilanzierend lässt sich sagen, dass die deutsche Besetzungsbranche zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen steckte, so dass die hier genannten „Urgesteine der Branche“ zunächst weniger für das deutsche Kino arbeiteten, sondern eher als deutsche Fachexperten für ausländische Filme sowie für den Werbebereich und erst langsam auch für besondere Fernsehprojekte. Bis Ende der 80er Jahre waren sie in der Kalkulation noch nicht berücksichtigt:
»In Deutschland gehörten wir anfänglich zum Kostümbereich«, (Quelle: Interview mit Tina Thiele 2002) erklärt die im Herbst 2004 verstorbene Risa Kes.

Trotzdem lassen sich in dieser Anfangsphase erste, wenn auch seltene Besetzungshinweise finden. Hier seien im Besonderen An Dorthe Brakers Erwähnung im Abspann des Fernsehmehrteilers „Rote Erde“ (Klaus Emmerich) von 1983 genannt, wo sie unter „künstlerische Organisation“ für ihre Besetzungsleistungen honoriert wurde.

Mit den 90er Jahren beginnt dann eine neue Phase, als erste freie Besetzungsbüros eröffnet wurden. Als das so genannte Arbeitsmonopol fiel und die neuen Privatsender auf den Markt kamen (im Speziellen der boomende Markt für TV-Movies), stieg neben der Nachfrage nach Schauspielern nicht nur die Nachfrage nach Agenten sondern auch die nach Casting Fachpersonal.

Sabine Schroth: »So wie die ganze Branche hat sich natürlich auch das Casting verändert. Von den zwei TV-Sendern (!) zu den heutigen Soaps, Serien, Dailys usw. ist eine Erweiterung des Bedarfes nur folgerichtig.« (Quelle: Interview mit Tina Thiele 2004) Folglich versuchten viele Neueinsteiger nun, sich auf dem Markt durchzusetzen. Analog zu Amerika mussten sich nicht nur Schauspieler und Agenten, sondern auch Casting-Directors auf dem freien Markt beweisen.

Die Leistung von Casting-Directors wurde nun erstmalig mit einem Frontcredit honoriert und unter dem Terminus „Casting“ verstärkt ins Bewusstsein der Branche sowie des Zuschauers gehoben.

Während Sabine Schroth bei dem Kinofilm „Echte Kerle“ von 1996 zwar schon unter „Casting“ aufgeführt wurde, jedoch nur im Abspann, schaffte Heta Mantscheff als Frontcredit den Sprung in den Vorspann von „Stadtgespräche“.

Die Anstellung von Casting Directors ist zwar heute gang und gäbe für hochqualitative Spielfilme, die Honorierung ihrer Arbeit mit einem Frontcredit allerdings nicht immer.

Dagegen ist in Amerika eine Creditvergabe streng hierarchisch und vertraglich geregelt. Der Blick auf den Bildschirm zeigt: (Independent) Casting-Directors erscheinen unter dem Terminus Casting im Vorspann, Casting-Associates oder Assistants im Nachspann.

Das häufig in Klammern vorkommende (CSA) verweist auf die „Casting Society of America“, ein Verband, der 1980 von Mike Fenton, Joe Reich und Al Onatoro gegründet wurde und sich seitdem für die Rechte der amerikanischen Casting-Branche einsetzt.

Seit 2003 können im vereinigten Deutschland nun auch sowohl Freiberufler als auch Angestellte eines Casting-Büros für die Bereiche Film, Fernsehen, Bühne und Werbung im deutschsprachigen Raum Mitglied im BVC werden:

Eine klare Anerkennung von Kompetenzstrukturen, wie sie die amerikanische „Casting Society of America” (CSA), die britische „Casting Director’s Guild” (CDG), die italienische „Unione Italiana Casting“ (U.I.C.) sowie die französische „Association des Responsables de Distribution Artistique” (A.R.D.A.) und der katalonische Castingverband „Associació de Director’s de Càsting” schufen, stehen daher an oberster Stelle der BVC-Agenda.

Neben dem Nachweis einer zweijährigen hauptberuflichen Tätigkeit als Casting Director im fiktionalen Bereich müssen die Anwärter die einstimmige Zustimmung des Auswahlgremiums, das aus fünf Vereinsmitgliedern besteht, einholen. Kein Mitglied darf an den Gagen der Schauspieler partizipieren, denn anders als die Agenten sind Casting Directors keine Arbeitsvermittler, sondern auf dem freien, künstlerischen Feld der Besetzung tätig. Für die Tätigkeit der Casting Directors, die zwar mittlerweile bei der Filmfinanzierung gesondert budgetiert wird, lassen sich keine festen Preise ausmachen. Üblicherweise erhält der Casting Director ein Pauschalhonorar, exklusive anfallender Reisekosten bzw. Kosten für Probeaufnahmen. An Dorthe Braker beschreibt die allgemeine Situation:

»Festzuhalten ist der Trend, dass die Zeit zwischen Vorlage eines Drehbuches und Drehbeginn immer kürzer geworden ist und somit die Anforderungen an Casting Directors gestiegen sind.« (Quelle: Interview mit Tina Thiele 2002)

Gibt es auch keinen geregelten Ausbildungsweg für den Beruf des Casting Directors wie die individuellen Werdegänge der einzelnen BVC-Mitglieder zeigen, wird deutlich: Man wird nicht von heute auf morgen zum gefragten Casting-Profi. Dafür bedarf es jahrelanger Erfahrung.

HAUPTQUELLE:
Thiele, Tina. CASTING. UVK Verlagsgesellschaft 2005 mit einem Vorwort von Michael Schmid-Ospach.

Seit 2005 erfolgt eine Aufarbeitung der Filmografien deutschsprachiger und einer Auswahl an internationalen CASTING DIRECTORS auf www.casting-network.de.

Der Bundesverband Casting dankt Tina Thiele für diese Zusammenfassung und die freundliche Genehmigung, diesen Text für die BVC-Website zur Verfügung zu stellen.

Zeit-Tafel: Casting in Deutschland

Die Anfänge
Auch in Deutschland wurde systematisch gecastet bzw. besetzt seitdem Darsteller für Filme benötigt wurden. Wie in Amerika auch waren dies zumeist Laien. Die professionellen deutschen Schauspieler – Erben einer Jahrhunderte alten Theatertradition – lehnten das in ihren Augen „minderwertige“ Medium Film zunächst ab.
1920er Jahre
Ein hoch differenziertes Besetzungsgeschäft wird zum Standard in der deutschen Filmbranche.
Theaterschauspieler werden gefragter denn je: Für deren Besetzung sorgten neben innovativen Theater- oder Filmregisseuren- und Assistenten, Produzenten vereinzelt auch Theateragenten oder extrem engagierte Mütter.
1930er Jahre
Zu Beginn des Jahrzehnts etabliert sich in Berlin, nahezu zeitgleich mit Hollywood, der Beruf des Besetzungschefs: Erich Pommer rekrutiert Jobst von Reiht-Zanthier, kurz Jobst von Reiht, als ersten Besetzungschef für die UFA.
1933
Die NSDAP nimmt starken Einfluss auf die Besetzung von Schauspielern.
1942
Einrichtung eines Besetzungsbüros in Babelsberg mit einem Nachwuchsatelier für junge Schauspieler.
1950
Gertraude Acker Thies wird erste Leiterin des DEFA Besetzungsbüros in Babelsberg / DDR.
1962
Fritz Haneke ruft für das ZDF, im Gegensatz zur ARD, ein eigenes Besetzungsbüro ins Leben.
1967
Karlheinz Baumann übernimmt den Posten des Chefs des ZDF Besatzungsbüros.
1974
Die Schauspielerin Karin Beewen wird im Babelsberger DEFA Besetzungsbüro als Assistentin eingestellt.
1979
Die gelernte Bürokauffrau Astrid Rahn übernimmt den Posten der DFF-Besetzungschefin von deren Gründerin Vera Vetter.
Ende 1970
Am Ende des Jahrzehnts etabliert sich der „Independent Casting Director“ im deutschen Filmbetrieb, allen voran die Münchener Dorthe Braker, Risa Kes, Sabine Schroth.
1984
Sabine Schroth wird für „Abwärts“ (Regie: Carl Schenkel) erstmalig in einem deutschen Kinofilm im Abspann unter „Besetzung“, allerdings erst nach der Produktionsleitung und der Produktionsfahrer, genannt.An Dorthe Brakers Besetzungsleistungen für den TV-Mehrteiler „Rote Erde“ (Regie: Klaus Emmerich) werden im Abspann als „künstlerische Organisation“ herausgestellt.
1990
Es kommt verstärkt zu einer Gründungswelle „freier Casting-Büros“
1995
Erstmalig wird die Leistung eines Casting Directors mit einem „Front-Credit“ honoriert. Heta Mantscheff schaffte den Sprung in den Vorspann mit dem Film „Stadtgespräch“.
2003
Gründung des BVC – Bundesverband Casting e.V.
1997-2004
Vergabe des „Casting-Preises“ bei der Cologne Conference, dem Internationalen Fernseh- und Filmfest Köln, ein Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Besetzungstätigkeit im Spielfilmbereich.
2008
Wiederaufnahme des „Casting-Preises“

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